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Eröffnungsrede von Professor Dr. Walter Grasskamp für die Ausstellung BERND ZIMMER - Das geheime Leben der Sterne

Der Kunstkritiker und Kunstsoziologe unterhielt unser Publikum mit einer amüsanten und lehrreichen Einführung zu unserer neuen Bernd Zimmer Ausstellung "Das geheime Leben der Sterne", in der er über die Betrachtung des Nachthimmels in der Kunstgeschichte referierte und mit der philosophisch-physikalischen Frage "Was ist das Universum?" endete.

„Nur ein paar hundert Meter von der Galerie Thomas Modern entfernt befindet sich ein sehr klei-nes Gemälde, das aber so bedeutend ist, dass es 2005 im Zentrum einer eigenen, ihm gewidmeten Ausstellung stand. Die kleine Kupfertafel in der Alten Pinakothek ist nur 30 mal 40 Zentimeter groß und zeigt eine Flucht nach Ägypten. Aber es ist nicht dieses Motiv, welches das Bild so bedeutend macht. Vielmehr schildert es die biblische Geschichte unter einem sozusagen neuzeitlichen Nachthimmel. 
 
Darin hat Adam Elsheimer 1609 zum ersten Mal die Milchstraße einigermaßen angemessen darzustellen verstanden. Sie erscheint bei ihm nicht mehr als ein Band oder eine Wolke, sondern als Summe vieler kleiner Leuchtpunkte mit unterschiedlicher Verteilungsdichte. Daher hatte die Ausstellung 2005 den Titel „Von neuen Sternen“.

Noch lange nach Elsheimer hat sich, was den Nachthimmel angeht, allerdings eine Bildvorstellung gehalten, in der die Sterne wie über ein dunkles Gewölbe verteilt leuchten. Niemand hat das so anschaulich dargestellt wie Schinkel in seinem berühmten Bühnenbild für Mozarts Zauberflöte: Es stellt den Betrachter mitten in eine gigantische Kuppel, in dem die Sterne in schmalen Dreierreihen wie Rippen eines Himmelsgewölbes aufstreben und oben zusammenlaufen.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts geriet der Gewölbecharakter dieser Kosmosvorstellung aus der Mode. Damals wurde ein Holzstich populär, der den Wandel schlagartig anschaulich machte und der bei manchen von Ihnen, meine Damen und Herren, noch aus Kinderbuchzeiten im Gedächtnis sein dürfte. Darauf ist ein riesiger Mensch zu sehen, der, in einer liliputhaften Weltenlandschaft kniet und mit dem Kopf die Kuppel des bestirnten Nachtgewölbes durchstößt. Dahinter erblickt er wabernde Nebel, rotierende Planeten, breite Fransenbänder und riesige Wagenräder – insgesamt also nicht das, was wir uns heute unter dem Kosmos vorstellen.

Man wundert sich vielmehr, wie wenig die Künstler damals in der Lage waren, den Kosmos an-schaulich abzubilden. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein waren sie aber zuständig für die An-schaulichkeit unserer Weltbilder, seien sie religiös oder profan. Erst dann übernahm die Fotografie die Regie. Aber auch die Fotografie hat der Anschaulichkeit des Kosmos nicht wirklich aufgehol-fen. Zunächst einmal kam der Fotograf dafür nicht tief genug ins All.

Es dauerte vielmehr bis weit in das 20. Jahrhundert, dass die Fotografie ihre neue visuelle Deutungsmacht über das kosmische Geschehen wirklich geltend machen konnte. Das wurde beson-ders deutlich, als ein berühmt gewordenes Foto die Erde aus dem All als unseren „blauen Planeten“ erkennen ließ. Der „Blaue Planet“ war allerdings eine einfache Übung für die Weltraumfoto-grafie. Schon beim Andromeda-Nebel wird es kompliziert.

Erst recht kann ein Astronaut nicht einfach sein Smartphone ans Bullauge seiner Satellitenkapsel halten, um ein Selfie mit einem Schwarzen Loch zu machen. Von einem Schwarzen Loch kann man überhaupt kein Bild machen, denn es verschluckt auch die Lichtwellen und ist nur aus den Ereignissen seiner Umgebung überhaupt erschließbar. Und da erschaudert man doch ein wenig angesichts eines Nichts, das sogar sein eigenes Bild verschlingt: Hier wird eine unüberwindbare Grenze des Bildermachens erkennbar.

Da wir aber bildersüchtig sind, verlangen wir auch nach Bildern von einem Schwarzen Loch, und die werden uns auch geliefert, allerdings mit sehr komplizierten bildgebenden Verfahren. Auch die meisten anderen Fotografien des kosmischen Geschehens werden mit solchen bildgebenden Ver-fahren generiert.

Da sich über Lichtwellen nur ein kleiner Teil des Kosmos erkennen – oder sagen besser: erahnen – lässt, muss man dafür aber auch andere Wellen nutzen. Was wir zu sehen bekommen, sind daher Daten, die über Radar-, Röntgen- oder Radiowellen gewonnen und dann so raffiniert in Bilder umgesetzt werden, als hätte man sie mit einer Kamera aufnehmen können. Und wir glauben solchen Bildmanipulationen nur allzu gerne, auch wenn sie mit Fehlfarben operieren oder mit Ultraviolettfil-tern oder so frei erfunden sind, dass sogar die Bildlegenden davor warnen.

Im Katalog einer Ausstellung über die „Die Originalfotografien der NASA“ fand ich zum Beispiel unter einem Bild der Uranusringe (von 1986) folgenden Warnhinweis: „Die Pastellfarben zwischen den Ringen sind ein Ergebnis der Computerverarbeitung“. Unter einer anderen „Fotografie“ (von 1983) heißt es: „Die vertikalen Streifen sind künstlich durch Prozesse bei der Bildbearbeitung ent-standen und am Himmel nicht wirklich vorhanden.“ Wir sind also gewarnt, aber trotzdem weiterhin so naiv, an solche „Fotografien“ zu glauben. Letztlich sind wir also nicht weniger bildergläubig als ein byzantinischer Mönch des Mittelalters, der eine Ikone anbetete, weil er darin die Präsenz des Göttlichen erblickte.

Wie er sind auch wir unserer Sache so sicher, dass wir nicht verstehen, wie es darüber zu einem Bilderstreit kommen könnte. Einen solchen Bilderstreit hat aber Bernd Zimmer vor zwanzig Jahren mit den Gemälden seiner Cosmos-Serie eröffnet. Schon lange vorher hatte ihn das Thema des Nachthimmels beschäftigt – so, wie es jeden packt, der die Milchstrasse einmal aus einer Wüste heraus gesehen hat, also ohne die Streueffekte des irdischen Kunstlichts. Zunächst hatte sich Bernd Zimmer allerdings „nur“ für die Wüste interessiert. Mehrere hat er davon aufgesucht, denn er ist nicht nur ein Maler, sondern auch ein passionierter Reisender, getragen – um ein Wort von Michael Rutschky aufzugreifen – getragen von einem gewaltigen Erfahrungshunger.

Die Wüsten boten ihm die reduzierteste Form des Kontrastes aus Erde und Tageshimmel und erlaubten ihm Gemälde an der Grenze zur Farbfeld-Abstraktion, ohne den Boden der Wirklichkeit zu verlassen – also eine Variante jener Gratwanderung von Figuration und Abstraktion, auf der er sich seit Jahrzehnten befindet. Aber sein Erfahrungshunger erhielt in der Wüste Nahrung nicht nur aus dem Kontrast der monotonen Farboberfläche mit dem Tageslicht, sondern auch aus der licht-durchpunkteten Nacht.

Es war daher nicht der Kino-Himmel über der Wüste, der ihn packte, sondern der echte Himmel über der Wüste, für dessen Erkundung man ein paar Risiken in Kauf nehmen muss und ein paar Wasserflaschen mitnehmen sollte. Im Original hieß der Bertolucci-Film Der Himmel über der Wüste übrigens wie die Buchvorlage von Paul Bowles The Sheltering Sky, also Der beschirmende Him-mel. Das klingt nach dem Sternenmuster im Innenfutter einer mittelalterlichen Schutzmantelmadonna.

Aber genau das, nämlich beschirmend, ist der Nachthimmel für uns ja längst nicht mehr. Spätes-tens seit wir die „Fotografien“ der NASA haben, erscheint der Kosmos uns vielmehr wie ein eiskalter und pechschwarzer Hohlraum, in dessen unfassbarer Tiefe sich die Galaxien verwirbeln. Aus der Sahara heraus schaut man als aufgeklärter Mensch also in den Nachthimmel wie von einer Wüste in eine andere.

Der Kosmos ist aber eine Wüste, die man nicht begreifen kann, nicht einmal mithilfe der populäre-ren Fachliteratur. Das mussten circa 99,9 Prozent all jener Buchkäufer erkennen, als sie Stephen Hawkings Kurze Geschichte der Zeit schon nach Seite 20 ins Regal stellten. Es ist diese Krise der Anschaulichkeit, mit der sich Bernd Zimmer nicht zufrieden geben konnte, weil er ein altmodischer Maler ist, der aber auf der Höhe der Gegenwart denkt. Gerade weil er um den Hilfsmittelcharakter der digitalen Bildsurrogate weiß, versucht er sie mit seiner Malerei auszustechen.

Mit diesem, sozusagen klassischen Verfahren der Bildgebung kann er sich Freiheiten herausnehmen, wie sie den Digitalabbildungen nicht zustehen, wenn es heißt, dass ihre Farben „am Himmel nicht wirklich vorhanden“ sind. Er kann sich diese Freiheiten herausnehmen, weil er weder Deutungstreue noch eine Deutungsmacht beansprucht, sondern immer neue Zugangswege ausprobiert.

Wer das Werk von Bernd Zimmer verfolgt hat, weiß, dass in seinen Cosmos-Bildern lange eine kontrastreiche Farbwelt auf dunklem Fond vorherrschte. Das erschien, als hätte er versucht, etwas zu malen, was man genausowenig malen oder fotografieren kann wie ein Schwarzes Loch, nämlich die dunkle Materie, über deren Präsenz selbst die besten Astrophysiker im Unklaren sind, von mir ganz zu schweigen. 
 
In der neuen Serie sehen wir einen malerischen Qualitätssprung, in dem er seine Farben aus der Kältehaft der dunklen Materie in einen neuen Glanz entlässt. Auf weißem Grund gemalt oder durch weiß übermalte Zwischenräume profiliert, geben sie seinem Thema eine wie befreiend wirkende Wende. Gleichgeblieben ist allerdings, dass Bernd Zimmer auch in seinen neuen Bildern die digitalen Himmelsaufnahmen der NASA mit einer Art analoger Parallelschöpfung kontrastiert. Und da wir nicht genau wissen, wer das Urheberrecht auf den Kosmos besitzt, ist diese Parallelschöpfung juristisch unbedenklich.

Oder bedeutet die weiße Farbe eine Kapitulation? Jahrhundertelang hat man schließlich in Karten der Erde als weiß dargestellt, worüber man nichts Genaues wusste, als die berühmten weißen Flecken. Hat Bernd Zimmer sich entschieden, auch den Kosmos zwischen den Sternen und Planeten, also die Dunkle Materie, auf seinen Himmelskarten als große weiße Fläche auszugeben, die wir zwar sehen, aber nicht verstehen können? Dazu würde sein Ausstellungstitel Das geheime Le-ben der Sterne passen, weil ein Geheimnis immer auch eine Lösung verspricht. Was aber, wenn die Sterne gar kein geheimes Leben haben?  

Das ist jetzt vielleicht eine geschäftsschädigende Überlegung zu Deinem schönen Ausstellungtitel, lieber Bernd. Möglicherweise sind die Sterne aber einfach nur da. Punkt.

Sie sehen, meine Damen und Herren, heute Abend geht es mir nicht nur darum, ob Ihnen die neu-en Bilder gefallen oder nicht, und ob Sie eines schon vor Weihnachten kaufen oder erst danach. Ich möchte, dass Sie sich auch ein klein wenig gruseln. Daher werde ich meine kleine Zimmerrede mit einem berühmten, aber weithin unterschätzten philosophischen Satz beschließen. Er stammt aus einer denkbar uneinschlägigen, ja, völlig unseriösen Quelle, weder von Plato noch von Sloter-dijk, vielmehr aus dem Film The Rocky Horror Picture Show, den man wegen seines enormen Markterfolgs philosophisch unterschätzen kann.

Ich würde für diesen Satz allerdings jederzeit hundert Seiten aktueller Suhrkamp-Philosophie eintauschen. Der Satz fällt ganz zum Schluss des Films, wenn der mokante Kommentator die kosmischen Irrfahrten seiner Erdlinge und Wüstlinge in nur acht Worten so prägnant zusammenfasst, dass es für mich immer wie die postmoderne Weltformel klingen wird: Lost in time, lost in space ... and meaning.

Bei diesen Worten fällt bei jeder Kinoaufführung der Rocky Horror Picture Show die Saal-temperatur um beträchtliche Kältegrade, wie sie im Kosmos bekanntlich noch sehr viel tiefer fallen können.

Aber seien Sie unbesorgt, meine Damen und Herren, hier wird, auch wenn die irdischen Ressour-cen knapp werden, ordentlich geheizt, also bleiben Sie noch ein wenig. Ich wünsche Ihnen jeden-falls noch einen schönen Abend.“

 

 

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